Greenkeeper Steven Tierney betreut den Golfpark Zürichsee seit fast drei Jahrzehnten. Was für viele nach Prestige und Rasenmähen klingt, ist in Wahrheit ein hochkomplexer Umweltbetrieb – mit seltener Biodiversität, smarter Technik und globalen Auszeichnungen für Nachhaltigkeit.
Entrée de 01.08.2025
Frühmorgens, wenn der Zürichsee noch im Nebel liegt, beginnt der Arbeitstag von Steven Tierney. Während viele Berufstätige ihren Kaffee trinken, hat er bereits die Feuchtigkeit der Greens geprüft, die tagesaktuelle Wetterlage analysiert und das Pflegeprogramm für den Tag abgestimmt. Er ist MG Superintendent des Golfparks Zürichsee in Nuolen – und das seit 28 Jahren. MG Superintendent steht für die höchste Greenkeeper-Ausbildung – mit Führungsverantwortung für Pflege, Planung und Team. Was er macht, ist also weit mehr als das klassische «Rasenmähen». «Ich bin verantwortlich für die gesamte Fläche des Golfplatzes – das sind 74 Hektar», sagt er. «Und davon sind über 60 Prozent reine Naturfläche – Ökowiesen, Blumenwiesen, Seen, Schilfgürtel, Amphibienstandorte.» Steven Tierney hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt. Nach einer Ausbildung in Irland und einem Masterabschluss als Golf Course Superintendent zählt er heute zu einem von weltweit nur rund 80 Master-Greenkeepern.
Wir setzen bei der Pflege auf das Prinzip: so wenig wie möglich, so viel wie nötig.
Ein Golfplatz als Ökosystem
Tatsächlich ist die klassische Vorstellung vom Golfplatz als unnötig gepflegte «Monokultur» überholt. Von den 74 Hektar des Golfparks entfallen nur rund 25 Hektar auf die eigentliche Spielfläche. Die restlichen Flächen sind bewusst extensiv genutzt. In Zusammenarbeit mit drei Landwirtschaftsbetrieben aus der Umgebung werden 35 Hektar Ökowiesen zweimal jährlich gemäht. Die Betriebe übernehmen die Arbeit und dürfen im Gegenzug das Schnittgut behalten. Für die KIBAG entfällt der Aufwand – eine nachhaltige Lösung, von der beide Seiten profitieren. «Wir setzen bei der Pflege auf das Prinzip: so wenig wie möglich, so viel wie nötig», erklärt Steven. Auch im Vergleich zur Landwirtschaft ist der Einfluss gering: «Wir brauchen nur etwa 1,5 Prozent der Düngerund Pflanzenschutzmittelmenge, die ein gleich grosser Landwirtschaftsbetrieb einsetzen würde.» Ein ökologischer Höhepunkt ist ein kleiner See beim Abschlag 5. Hier lebt eine Population von Gelbbauchunken – eine seltene Amphibienart, die in der Region Zürich sonst nicht heimisch ist. Gepflegt wird das Gebiet nur im Winter, damit Tiere in Ruhe laichen können. Auch die Vogelvielfalt ist beeindruckend: Drei Arten, die auf der Roten Liste stehen, sind hier nachgewiesen. Und von den 34 bekannten Libellenarten in der Region leben 27 direkt auf dem Platz.
Die Arbeit von Steven Tierney hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. «Heute geht nichts mehr ohne Daten und Technologie.» Der Golfpark verfügt über eine eigene Wetterstation mit Sensoren für Luftfeuchtigkeit, Bodentemperatur, Windrichtung und Verdunstungsrate. Die GPS-gesteuerte Beregnung ermöglicht es, punktgenau dort Wasser abzugeben, wo es wirklich nötig ist. «Früher wurde der ganze Platz bewässert – heute nur noch einzelne Stellen. Das spart enorm viel Wasser und schont die Pflanzen.» Ein Beispiel: Verliert der Boden durch Hitze drei Millimeter Wasser, wird bewusst nur 1,5 Millimeter zugeführt – «little and often», wie Steven als gebürtiger Ire, zu sagen pflegt. Auch die Düngung erfolgt präzise. Mit Bodenproben und Laboranalysen werden individuelle Mischungen erstellt, die exakt auf die Bedürfnisse der jeweiligen Fläche abgestimmt sind.
Ausgezeichnete Nachhaltigkeit
Bereits 2009 wurde der Golfpark Zürichsee als einer der ersten drei Golfplätze weltweit nach den Standards der Golf Environment Organization (GEO) zertifiziert. Seither wurde er fünfmal erfolgreich rezertifiziert – eine Leistung, die bisher nur zwei Plätze weltweit geschafft haben. Die GEO-Zertifizierung ist umfassend: Neben Pflegeplänen und Umweltschutzmassnahmen müssen auch Buchhaltungs- und Verbrauchsdaten offengelegt werden. Alle Berichte sind öffentlich zugänglich. Steven Tierney führt zudem ein Umweltinventar, das jährlich aktualisiert wird. «Wir machen die ganze Dokumentation ohnehin – für die Behörden, für unsere eigene Planung. Warum also nicht auch transparent machen?»Als wäre das nicht genug, gewann der Platz 2012 und erneut 2024 den internationalen ELGA-Award der US-amerikanischen Greenkeeper-Vereinigung – als weltweit bester Betrieb in seiner Kategorie.
Wenn Steven Tierney über den Platz geht, merkt man seine Verbundenheit zur Umgebung. Besonders stolz ist er auf die Wildhasenpopulation, die hier beobachtet wird. «Wir haben mehr Wildhasen auf dem Platz als in der ganzen umgebenden Linthebene», erzählt er. Möglich wird das durch gezielte Schutzzonen, wo weder gemäht noch gespielt wird.Die Arbeit ist intensiv: Zwischen März und November wird die volle Jahresarbeitszeit geleistet, oft mit Einsätzen am Wochenende. Betriebsferien gibt es nur im Winter. Die Greenkeeper beginnen ihren Tag früh, oft bei Sonnenaufgang. Umso wichtiger ist ein eingespieltes Team – das täglich in einem kurzen Briefing koordiniert wird
Steven Tierney, MG Superintendent: Mit Herz und Seele für die Natur und den Golfsport
Ein Beruf aus Leidenschaft
Die Herausforderungen für die kommenden Jahre sind klar: Der Zugang zu Pflanzenschutzmitteln wird weiter eingeschränkt. «Im Vergleich zur Landwirtschaft dürfen wir nur einen Bruchteil der Mittel einsetzen – und dieser wird immer kleiner.» Steven setzt deshalb auf vorausschauende Pflege, gute Bodenbiologie und neue biologische Alternativen. Noch wirken diese oft nicht zuverlässig, aber die Forschung schreitet voran.Ein zweiter Trend sind autonome Maschinen. Auf der Driving Range sind heute schon Roboter im Einsatz – doch auf den Spielflächen ist die Technologie bis jetzt nicht ausgereift. «In den USA habe ich Maschinen gesehen, die bei uns bis jetzt nicht zugelassen sind. Das kommt aber weniger, um Personal zu sparen, sondern weil es kaum noch Nachwuchs gibt.»
Steven Tierney liebt seinen Beruf – nicht zuletzt, weil er selbst Golfer ist. Das hilft, den Platz aus der Sicht der Spielenden zu verstehen. Mit einem Schmunzeln bringt er es auf den Punkt: «Wenn alles reibungslos läuft und niemand etwas bemängelt, dann haben wir unseren Job gut gemacht.» Ein weltweites Phänomen kennt er dabei nur zu gut: «Haben Golferinnen und Golfer einen guten Tag, war es ihr Spiel – läuft es schlecht, ist immer der Platz schuld.» Dabei kann er sich ein Lachen nicht verkneifen
Golfplatz Zürichsee
Die 18-Loch-Anlage oberhalb von Nuolen (Gemeinde Wangen SZ) entstand auf dem Gelände eines ehemaligen KIBAG Kiesabbaugebiets. Anfang der 1990er-Jahre entwickelte sich gemeinsam mit dem Golfplatzarchitekten Peter Harradine die Idee für ein Naherholungsgebiet mit Weitblick. 1998 wurde die 9-Loch-Anlage eröffnet, 2018 folgte der Ausbau zur heutigen 18-Loch-Anlage nach Plänen von Kurt Rossknecht. Rund 83 000 Kubikmeter Erdreich wurden dabei modelliert – im Einklang mit Natur und Umgebung. Head-Greenkeeper Steven Tierney war von Beginn an in den Bau involviert. Seit bald 30 Jahren sorgt er mit seinem Team für optimale Spielbedingungen und einen Platz, der durch seine naturnahe Gestaltung überzeugt. Mehrfach ausgezeichnet, ist der Golfpark heute auch wertvoller Lebensraum für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten.