Wie muss man sich den Weg beispielsweise der Oulesse-Entwicklung vorstellen, bis aus der Idee ein marktfähiges und skalierbares Produkt wird?
Die Wege von den frühen Laborbestätigungen bis zur praxisfähigen Baustofflösung sind lange und phasenweise durchaus nervaufreibend.
Warum?
Als Baustoffproduzent ist unser Korsett eng geschnürt. Die geltenden und etablierten Normen machen strikte Qualitätsvorgaben. Das muss so sein, denn letztlich will niemand ein Bauwerk einstürzen sehen, weil in der Baustoffproduktion Fehler gemacht wurden. Aber: Die Baustoffe, die wir mit Oxara entwickeln, werden von den bestehenden Normen nicht gestützt. Wir orientieren uns im Entwicklungsprozess dennoch daran und nutzen die Vorgaben als Benchmark. Die entsprechenden Erstprüfungen setzten viele Vorversuche voraus, die allesamt erfüllt werden mussten und die wir in unseren eigenen Labors durchführten. Wir sprechen von Tests, deren Resultate teils bis zu 90 Tage auf sich warten lassen. Erfüllen die langersehnten Resultate dann die Anforderungen nicht, kann das im schlimmsten Fall heissen: Zurück auf Feld eins. Das ist bei der Entwicklung von KIBECO cleancrete Nossim sowie KIBECO cleancrete Oulesse glücklicherweise nicht eingetreten.
Wie lange dauert ein solcher Entwicklungsprozess?
Erfahrungsgemäss sprechen wir von einem Innovationszyklus von drei bis fünf Jahren. Dies vom Zeitpunkt der ersten Vorversuche bis zum marktfähigen Produkt. Das ist die Erfahrung, die wir mit den zementfreien Alternativbaustoffen machen, bei deren Entwicklung wir uns zwar am geltenden Normenwerk orientieren, uns aber nicht darauf abstützen können. Demgegenüber lief der Entwicklungsprozess des KIBECO-Betons deutlich schneller ab, den wir mit der Neustark AG vorantrieben. Dies, weil der Karbonatisierungsprozess die Eigenschaften des RC-Betons nicht im Grundsatz verändert, sondern sogar verbessert. Das Normenwerk blieb in jener Entwicklung voll anwendbar.
Wo steht die Firma Neustark?
Wir arbeiten mit Neustark intensiv an der Speichertechnologie. Gegenwärtig können damit im Branchenschnitt zwischen 10 und 12 kg CO2 pro Kubikmeter RC-Betongranulat gespeichert werden. Wir verfolgen das Ziel, mit rund 20 kg CO2 pro Kubikmeter Beton eine Verdoppelung der Speicherkapazität zu erreichen. Zudem evaluieren wir die Möglichkeit, auch CO2 in die Betonalternativen zu speichern, die wir mit Oxara entwickeln. Da tun sich spannende Synergien auf.
Was treibt dich persönlich an?
Der Beton selbst! Es ist doch schlicht verblüffend, welche vielfältigen technischen und ästhetischen Möglichkeiten dieser regional produzierbare Baustoff bietet! Meine berufliche Herausforderung als Leiter bei KIBECO ist es nun, diesen faszinieren-den Baustoff in ein neues Zeitalter zu führen. Dies, indem wir vorhandene Produkte innovativ modifizieren. Und indem wir Betonalternativen für Bausituationen entwickeln, in denen nicht die vollen Betonfestigkeiten gefragt sind. Beton wird seit Jahr-tausenden verbaut. Ich arbeite mit, dass er weiterhin mit Überzeugung verbaut werden kann – wo es ihn braucht.
Interview und Fotos: Beat Matter